Wie die Orbaha Chattensis aus dem Nest kroch
Gegründet am 30. April 1928 — schlaraffisch am 30. des Ostermonds a. U. 69 — als Colonie der h. Brema, ein Jahr später sanktioniert: Die Schlaraffia Orbaha Chattensis ist das Reych Nummer 279 im weltweiten Bund Allschlaraffia und sitzt in Bad Orb im Spessart. Ein „Reych“ ist dabei nichts anderes als der örtliche Verein; die Nummer sagt, als wievieltes es weltweit gegründet wurde.
Ein Name, der älter ist als das Reych
Die meisten Schlaraffenreyche haben sich einen Namen gegeben. Dieses hier hat einen gefunden.
Am 2. Oktober 1064 schenkte König Heinrich IV. „die Besitzung Orbaha … mit Burg und Salzquellen“ dem Mainzer Erzbischof. Fünf Jahre früher, 1059, steht der Name schon in einer Grenzbeschreibung des Wildbanns für das Kloster Fulda. „Orbaha“ ist der Fluss und der Ort in einem: die Endung -aha bedeutet fließendes Wasser. Aus Orbaha wurde Orb, aus Orb 1909 Bad Orb.
Der zweite Namensteil reicht weiter zurück. Die Chatten waren der germanische Stamm, dessen Siedlungsschwerpunkt in den Tälern von Eder, Fulda und der oberen Lahn lag — also in dem, was heute Hessen heißt. Plinius und Tacitus nennen sie; Tacitus lobt ihre Manneszucht. Aus dem Namen der Chatten wurde über die mittelalterlichen Formen Hassi, Hessi der Name Hessen, der um 720 zuerst auftaucht. „Orbaha Chattensis“ heißt also nichts anderes als: das Orbaha der Chatten, das hessische Orbaha.
Eine Randbemerkung der Ehrlichkeit: Bad Orb liegt am Südrand dessen, was die Forschung als Chattenland kennt, nicht in seiner Mitte. Der Name ist ein Bekenntnis zu Hessen, keine Fundortangabe.
Mehr zur Herkunft des Namens auf der eigenen Seite.
Die Stadt, in die der Uhu einzog
Was für eine Stadt fanden die Gründer 1928 vor? Eine Stadt, die vom Salz lebte und dann vom Wasser.
Salz wurde in Orb seit der Besiedlung gewonnen; im 17. und 18. Jahrhundert erreichte die Produktion bis zu 2.000 Tonnen im Jahr, und zwischen 1729 und 1748 entstand außerhalb der Stadtmauern eine neue Saline mit zehn Gradierwerken. Eines davon steht noch: das 1806 errichtete, 155 Meter lange und 18 Meter hohe Gradierwerk aus Schwarzdornreisig, seit 1991 als erhaltenswertes Industriedenkmal geführt.
1899 wurde die Salzgewinnung endgültig eingestellt. Was blieb, war die Sole — und aus der Sole wurde der Kurbetrieb: 1837 eröffnete der Apotheker Franz Leopold Koch die erste Solbadeanstalt mit acht Badekabinetten, 1909 wurde Orb staatlich anerkanntes Heilbad und durfte sich Bad Orb nennen. Damit die Gäste kamen, war schon am 23. Mai 1901 die Bahn von Wächtersbach herauf eröffnet worden.
Die Stadtrechte hatte Orb um 1244 unter Kaiser Friedrich II. erhalten, samt Münzrecht. Die Altstadt darunter ist bis heute eine Fachwerkstadt; in der Kirchgasse steht das kleinste Fachwerkhaus Hessens, 1,58 Meter breit. Über ihr stehen zwei Bauwerke, die für dieses Reych wichtig werden:
- die Burg am Burgring, 1064 erstmals genannt, um 1570 von Erzbischof Daniel Brendel von Homburg im Renaissancestil umgebaut, seit 1865 eine Zeit lang Zigarrenfabrik, heute Stadtmuseum;
- unmittelbar daneben die Pfarrkirche St. Martin, gotische Hallenkirche, zwischen 1335 und 1440 errichtet.
30. Ostermond a. U. 69 — zwei Schlaraffen in einem Badestädtchen
Schlaraffische Monatsnamen begleiten diese Seite; Ostermond ist der April, Wonnemond der Mai, Herbstmond der September, Lethemond der Oktober, Windmond der November, Christmond der Dezember. „a. U.“ heißt anno Uhui und zählt von 1859 an.
Der glückliche Zufall, dass a. U. 68 — 1927 — im profanen Orb zwei Schlaraffen hausten, ermöglichte dem Badestädtchen den Uhuhorst. Rt Don Carlos der h. Glauchavia und Rt Prima Donna der h. Brema unternahmen das Wagnis, mit einer bescheidenen Schar begeisterter Männer in einem der kleinsten profanen Orte Allschlaraffias eine Colonie zu gründen. Das Mutterreych, die h. Brema, und die Ziehmutter, die h. Francofurta, ließen dem Feldlager alle erdenkliche Hilfe angedeihen.
Gesippt wurde zuerst im „Café Sprudel“ am Quellenring, später im Hotel „Weißes Roß“ am Marktplatz. Die feierliche Colonieerhebung fand a. U. 69 (1928) im „Badehotel“ statt; das Gründungsdatum ist der 30. Ostermond a. U. 69, also der 30. April 1928. Ein Jahr später, zur Sanktionsfeier a. U. 70 (1929) im Kursaal, ritten etwa zweihundert Schlaraffen nebst zahlreichen Burgfrauen ein. Die h. Allmutter Praga hatte Hkt. Fichte entsandt, das Mutterreych Hkt. Illing, die Ziehmutter ein stattliches Fähnlein mit Hkt. Motiv und K. Feger.
Dass dieser Vorgang nicht nur schlaraffisch überliefert ist, zeigt ein Aktenband außerhalb Allschlaraffias: Das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz führt unter I. HA Rep. 227, Nr. 1287 die Akte „Neugründung des Uhunestes Orbaha Chattensis [Bad Orb], Tochterreych der Brema [Bremen]“, Laufzeit 1926–1928. Die Vorbereitungen begannen also früher, als der Chroniktext vermuten lässt.
Schwarz, grün und gelb
Mitten im Spessart der dunklen Fichten, der hellen Eichen und Buchen und des Ginsters wurden Schwarz-Grün-Gelb als Reychsfarben gewählt. Es ist eine Landschaftsbeschreibung in drei Farben — und die einzige der Flotte, die man im Wald nachprüfen kann.
Das Preisturney und die Freikur
Die schönste Erfindung dieses Reyches stammt von Rt Altküppel, und sie hätte nur in einer Kurstadt entstehen können. Die Sieger eines Preisturneys der Orbaha Chattensis übertragen ihrem Reych das Recht, einen bresthaften Sassen zur Freikur bei einem Uhubruder der Orbaha Chattensis zu entsenden. Das Thema des Turneys lautete: „Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis, wenn man ihn wohl zu pflegen weiß.“
Das Preisturney im Wonnemond a. U. 70 (1929) gestaltete sich zu einem Erlebnis, das auch Sassen alter Reyche rühmten. Ein kleines Reych, das keine eigene Burg hatte, setzte als Preis das ein, was seine Stadt im Überfluss besaß: Sole, Luft und Pflege.
Mehr zum Preisturney auf der eigenen Seite.
Uhufinsternis und Neubeginn
Die aufgezwungene Uhufinsternis brach schon 1933 über das junge Reych herein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sammelten sich die Getreuen wieder: In der Winterung a. U. 89 (1948) fanden die ersten Sippungen in der provisorischen Burg in der Gaststätte „Goldener Hirsch“ statt. Zögernd stellte sich Nachwuchs ein, doch ein von vielen auswärtigen Recken besuchtes Frühlingsfest im Kurhaus wurde ein Erfolg. Dann nahm der Gasthof „Goldener Engel“ das Reych für einige Jahre auf.
Die Burgen dieser Jahre lesen sich wie ein Gang durch die Gastronomie der Kurstadt: Bahnhofshotel, Bahnhofsgaststätte, Restaurant „Konetzny“, für größere Feste das „Badehotel“ des Rt Sonnboy. Auch die Sippungstage waren beweglich — für die Winterung a. U. 92/93 verlegte das Reych sie von Montag auf Freitag.
Die Lenz- und Freundschaftssippung im Kurhaus a. U. 92 (1951) bescherte fünf Recken den Ehrenritterhelm der Orbaha Chattensis. Bis a. U. 99 (1958) war die Sassenschaft auf nahezu vierzig gewachsen. Das 25. Stiftungsfest wurde am 19. Herbstmond a. U. 94 (1953) gefeiert.
Die Martinsburg
Der wichtigste Markstein war der Bau einer eigenen Burg. Im Hotel „Wittelsbacher Hof“ entstand unter der Leitung des Rt Fass-ade und der künstlerischen Arbeit des Rt Rabazzo eine asymmetrische Burg, die neuzeitliche Farbgebung und schlaraffisches Geborgensein verband. Zur Uhubaumfeier a. U. 96 sippte das Reych zum ersten Mal darin; die feierliche Burgweihe vereinte viele Freunde am 7. Ostermond a. U. 97 (1956) in der Martinsburg. Zuvor hatte der Chroniktext die Burg des Reyches Chattenburg genannt — die Umbenennung fällt also mit dem Neubau zusammen.
Kurz darauf, a. U. 98 (1957), wurde dem Reych der Martins-Ritter-Orden gestiftet; die Satzung genehmigte der Allschlaraffenrat. Dreißig Jahre später, am 9. Windmond 1987, feierte eine Festsippung dieses Ordensjubiläum.
Warum Martin? Der heilige Martin von Tours ist Patron der Bad Orber Pfarrkirche und damit Stadtpatron; er steht im Stadtwappen, wie er seinen Mantel mit dem frierenden Bettler teilt, und begegnet einem in der Stadt als Fresko, Skulptur, Glasfenster und Schmiedearbeit. Ein Reych, das seine Burg Martinsburg nennt und einen Martins-Ritter-Orden stiftet, stellt sich damit unter den Schutzherrn seiner Stadt.
Die beliebte, aber zu kleine Burg im „Wittelsbacher Hof“ musste a. U. 112 (1971) aufgegeben werden. Unter Planung und Leitung der Architekten des Reyches und mit Spenden aller Sassen entstand im Hotel Hiller eine neue Martinsburg, die am 11. Lethemond a. U. 112 (11. Oktober 1971) geweiht wurde. Größere Festsippungen fanden im benachbarten Sängerheim statt. Die Anschrift des Reyches lautet heute Wemmstraße 8, 63619 Bad Orb.
Mehr zu Burg und Orden auf der eigenen Seite.
Die Stiftungsfeste
Die Reihe der Stiftungsfeste erzählt die Geschichte des Reyches im Zeitraffer. Das 30. wurde am 19. Ostermond a. U. 99 (1958) im weißen Saal des Kurhauses begangen, das 40. a. U. 109 (1968) ebenfalls im Kurhaussaal. Das 50. musste ausfallen, weil wegen der Neuerbauung eines Kurhauses kein geeigneter Saal zur Verfügung stand — ein Kurstadtreych, dem die Kurstadt den Saal wegbaute.
Zum 60. Bestehen gab es am 26. Lethemond 1987 einen festlichen Kammermusikabend in der Martinsburg; die Jubiläumswinterung war a. U. 129. Das 75. Stiftungsfest fand am 18. Lethemond a. U. 144 (18. Oktober 2003) im Kurhaus-Hotel statt, mit Gästen aus dreißig Reychen. Zum 90. Gründungstag feierte das Reych am 28. Ostermond 2018 ein Frühlingsfest auf der Burg Ronneburg bei Büdingen — einer echten Burg, 1231 erstmals genannt, heute Museum — mit 78 Sassen aus 17 Reychen.
Das kleine Reych mit dem großen Ruf
Gewaltige Reychseinritte — des h. R. Truna Bavariae, des h. R. Duisbargum und immer wieder des Mutterreyches Brema — stehen stellvertretend für die vielen Einritte, deren sich das Reych erfreut. Sie sind der Beweis, dass die kleine Orbaha im Spessart für ihre Gastfreundschaft und die Attraktivität ihrer Sippungen einen guten Ruf genießt.
Wer die hessischen Reyche sammelt, kommt ohnehin nach Bad Orb: Die h. Wiesbadensia verleiht den Titul „Hessen-Nassauischer Standesherr zu Ross“ an jeden, der alle zwölf Reyche im historischen Gebiet Hessen-Nassau besucht hat — und die Orbaha Chattensis ist eines dieser zwölf.
Über allem steht das Motto des Reyches: in arte voluptas — in der Kunst liegt das Vergnügen.
Die geschichtlichen Angaben dieser Seite sind im elektronischen Allschlaraffischen Reychsarchiv belegt, überwiegend in den Jahrgängen der Deutschen Schlaraffen-Zeitung, in „100 Jahre Schlaraffia“, Band II, und in der Chronik Allschlaraffia, Band III. Die Angaben zur profanen Stadt sind einzeln nachgewiesen. Drei Punkte sind offen und stehen deshalb hier: Die Stiftung des Martins-Ritter-Ordens ist im Archivbeleg auf a. U. 98 (1957) datiert, während der Chroniktext sie in den Zusammenhang der Burgweihe von 1956 stellt; der Widerspruch ist nicht aufgelöst, das Ordensjubiläum von 1987 stützt 1957. Warum die Burg Martinsburg heißt, sagt die Chronik selbst nicht — dass der Name auf den Stadtpatron zurückgeht, liegt nahe, ist aber nicht überliefert. Und ob die Anschrift Wemmstraße 8 dasselbe Haus bezeichnet, in dem 1971 die neue Martinsburg geweiht wurde, ist nicht nachgewiesen. Welches Kurhaus um die Zeit des 50. Stiftungsfestes neu gebaut wurde, ist ebenfalls noch zu klären. Wer Unterlagen dazu beitragen kann, möge sich bitte melden.
Geschichte der Schlaraffia
🦉 Schlaraffia in Zahlen: Gegründet 1859 · Über 200 Reyche weltweit · 5 Kontinente · Eine Sprache · Eine Gesinnung: Humor, Freundschaft und Kunst.
Die Wiege: Prag, 1859
Es begann mit einer Handvoll Künstler und Intellektueller im Prag des Jahres 1859. Schauspieler, Dichter, Maler – Menschen, die die Schwere der Zeit für einige Stunden ablegen wollten, um gemeinsam zu lachen, zu spielen und Freundschaft zu pflegen. Sie nannten ihre Runde schlicht: Schlaraffia.
Der Name war Programm: Das sagenhafte Schlaraffenland, jenes Land der Leichtigkeit und Freude, sollte für einige Stunden real werden. Kein Standesdenken, keine Hierarchie des Alltags – nur Spiel, Humor und Kunst.
Das Spiel breitet sich aus
Die Idee sprach sich schnell herum. Schon bald entstanden weitere Reyche in anderen Städten des deutschsprachigen Raums: Wien, Berlin, Hamburg, München. Mit der deutschen Auswanderungswelle im 19. und frühen 20. Jahrhundert wanderte die Schlaraffia mit in die Neue Welt.
New York, Buenos Aires, São Paulo – überall dort, wo deutschsprachige Einwanderer eine neue Heimat suchten, gründeten sie auch einen Schlaraffen-Reych. Das Band der gemeinsamen Sprache und des gemeinsamen Spiels hielt sie zusammen – über alle Entfernungen hinweg.
Schlaraffia überlebt die Stürme der Geschichte
Zwei Weltkriege, politische Umwälzungen, Verbote – Schlaraffia hat vieles überlebt. In Deutschland und Österreich wurde die Vereinstätigkeit in den Kriegsjahren eingeschränkt oder unterbunden. Doch kaum war Frieden, lebten die Reyche wieder auf. Dieser Überlebenswille ist kein Zufall: Wo echte Freundschaft herrscht, findet sie immer einen Weg.
Besonders bemerkenswert: Während in Europa manches Reych temporär pausierte, lebte die Schlaraffia in Übersee ungebrochen weiter. Die Allschlaraffia – der weltweite Dachverband – sorgte für Zusammenhalt und Kontinuität.
Die Allschlaraffia – weltweiter Zusammenschluss
Alle Schlaraffen-Reyche der Welt sind in der Allschlaraffia zusammengeschlossen. Dieser Dachverband regelt die gemeinsamen Spielregeln, vergibt Reychs-Nummern und stellt sicher, dass ein Schlaraffe aus Tokyo bei einer Sippung in Frankfurt sofort zuhause ist.
Die Allschlaraffia hält damit etwas aufrecht, das in der modernen Welt selten geworden ist: Eine Gemeinschaft, die auf Werten gründet – nicht auf Profit oder Networking. Humor, Freundschaft und Kunst sind keine leeren Worte, sondern gelebte Praxis bei jedem Treffen.
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